Das Besondere des menschlichen Hörens

Sieben oder acht Tage nach der Befruchtung der weiblichen Eizelle kann man erkennen, dass die Bildung der Ohren beim Embryo beginnt. Viereinhalb Monate nach der Befruchtung ist unser eigentliches Hörorgan, das Innenohr (Labyrinth mit Cochlea), komplett fertig – und zwar in seiner endgültigen Größe.

Am Ende des Lebens erlischt der Hörsinn in der Regel als letzter unserer Sinne.

Ohren lassen sich nicht schließen, d.h. sie sind 24 Stunden am Tag im Einsatz, ständig auf Empfang.

Töne und Klänge haben eine emotionale Bedeutung und lösen Gefühle in uns aus.

Unser Hörsinn ist von allen fünf Sinnen der empfindlichste. Er ist genauer und leistungsfähiger als unser Auge: So ist der Wahrnehmungsspielraum unseres Auges etwa eine Oktav breit, der des Ohres umfasst ungefähr zehn Oktaven. Dabei misst es mit mathematischer Genauigkeit: Jeder kann die Stimmigkeit einer Oktave genau erkennen (d.h. das Verhältnis der Schwingungen zueinander), das Auge kann nur schätzen. Der Gehörsinn kann bis zu 400.000 Töne unterscheiden. Außerdem kann das Ohr bis auf 5° genau angeben, aus welcher Richtung ein Ton kommt. Das Ohr ist fast siebenmal schneller als das Auge: während das Auge 20/1.000 Sekunden braucht, um zwei aufeinander folgende Reize noch unterscheiden zu können, braucht das Ohr lediglich 3/1.000 Sekunden.

Dieses hochempfindliche und leistungsfähige Organ wird besonders geschützt: es ist vom Felsenbein umgeben - das mit Abstand härteste Knochengebilde des menschlichen Körpers.

Wir brauchen den Hörsinn

  • für den Spracherwerb und für das Verstehen von Sprache 
  • zur Kommunikation 
  • zur Orientierung in der Umgebung 
  • als Alarmsystem : er macht uns auf Gefahren aufmerksam. 
Wenn man nicht oder nicht gut hört...

… ist es sehr schwierig, die Laut- und Schriftsprache zu erlernen

Das bedeutet zum Beispiel:

  • gehörlose Kinder, die unter Hörenden aufwachsen, haben bei der Einschulung einen aktiven Wortschatz von ca. 300 Wörtern, hörende Kinder haben im Durchschnitt einen aktiven Wortschatz von ca. 5100 Wörtern 
  • Geschriebenes ist für viele Gehörlose schwierig zu verstehen (z.B. Formulare, Gebrauchsanweisungen, Zeitungsartikel, schriftliche Informationen) 
  • Bedeutungen, Zusammenhänge, Hintergründe, Ursachen bleiben oft undurchschaubar und rätselhaft 

… kann man sich nur schwer mit hörenden Menschen verständigen

Das bedeutet zum Beispiel:

  • jede einfache Unterhaltung ist eine große Anstrengung, Gespräche mit mehreren hörenden Menschen sind unmöglich 
  • die Möglichkeit, mit Hörenden in Kontakt zu kommen, ist sehr eingeschränkt 
  • der Austausch mit Nachbarn, Arbeitskollegen usw. beschränkt sich meist auf Grußformeln bzw. den notwendigsten Informationsaustausch 
  • im Krankenhaus, auf Ämtern, bei Elternabenden versteht man viele Informationen nicht oder man ist auf DolmetscherInnen angewiesen 
  • bei Feiern und Festen bekommt man von der Unterhaltung so gut wie nichts mit, dafür ist der allgemeine Geräuschpegel u.U. doppelt laut wahrnehmbar 
  • Missverständnisse sind an der Tagesordnung, entsprechend viele Konflikte entstehen 

… ist man von vielen Ereignissen oder Vorgängen des gesellschaftlichen und kulturellen Lebens ausgeschlossen

Das bedeutet zum Beispiel:

  • die Berufswahl ist stark eingeschränkt 
  • in der Kirche ist das meiste unverständlich 
  • Vorträge, Kino, Theater, Führungen sind nur mit Hilfen zu verstehen (Untertitel, Höranlagen, DolmetscherInnen) – und diese Hilfen werden nur selten zur Verfügung gestellt 

… können Radio und Telefon nicht, Fernseher nur sehr eingeschränkt genutzt werden

Das bedeutet zum Beispiel:

  • Terminabsprachen mit Arzt, Friseur, Handwerkern sind kompliziert und zeitaufwändig 
  • viele Nachrichten und Informationen bekommt man nicht mit 

… können wichtige akustische Signale nicht wahrgenommen werden

Das bedeutet zum Beispiel:

  • Durchsagen auf Bahnhöfen und Flughäfen, Aufrufe im Wartezimmer des Arztes, im Finanz- oder Arbeitsamt bekommt man nicht mit 
  • Sirenen, Martinshorn, Hupen, die vor Gefahren warnen, bemerkt man nicht 

… muss man für alle Lebensvollzüge, die mit Sprache zu tun haben, viel mehr Zeit, Mühe und Anstrengung aufwenden als ein Guthörender

Das bedeutet zum Beispiel:

  • für Beziehung und Gemeinschaft 
  • für das Lesen von Texten 
  • für jegliche Art des Wissenserwerbs (Allgemeinwissen, Informationen zur Bewältigung des Alltags, berufliche Fort- und Weiterbildung etc.)